Wegen des plötzlichen Ablebens unseres engagierten Mitstreiters Helmut Burghardt wird diese Seite momentan nicht mehr aktualisiert. Ob wir diesen Service in Zukunft wieder anbieten können ist derzeit noch unklar.
Internationale Raumstation: Beobachtungstipps
Sichtbarkeitszeiten:
Die Raumstation umkreist die Erde von West nach Ost, in dieser Richtung überquert sie unseren Himmel innerhalb
von wenigen Minuten. Sichtbar ist sie nur, wenn die Sonne abends schon (oder morgens noch) unter dem Horizont steht, die
Raumstation über uns aber von ihr beleuchtet wird. Dies ist in einem Zeitraum von etwa 2 Stunden vor Sonnenaufgang
bzw. nach Sonnenuntergang möglich. Wann genau sie zu beobachten ist, ändert sich ständig.
Die aktuellen Sichtbarkeitszeiten kann man bei www.heavens-above.com abrufen. Dort im Abschnitt „Configuration” einen der Links „select
from...” anklicken und auf den folgenden Seiten den eigenen Beobachtungsort auswählen – es genügt
der nächstgelegene größere Ort, auf ein paar Kilometer kommt es nicht an. (Das Ortsverzeichnis von
Heavens-Above ist allerdings sehr umfangreich, da sollte eigentlich jeder etwas Passendes finden.) Beobachter in und
um Bonn klicken einfach
hier.
Klickt man in der Heavens-Above-Tabelle auf das Datum eines Überflugs, erhält man eine
Sternkarte mit der Spur der Raumstation über den Himmel. Außerdem gibt es bei Heavens-Above
Graphiken der
Bahn mitsamt der aktuellen Position der
Raumstation, die gestrichelten Teile der Bahn liegen jeweils im Erdschatten.
Bequemer abzurufen ist die
NASA-Liste mit
beobachtbaren Überflügen für 120 deutsche Städte, allerdings sind hier die Angaben nicht so
detailliert, und es gibt keine Sternkarten. Beobachter in und um Bonn klicken
hier.
Die Restatmosphäre in der derzeitigen Flughöhe von ca. 390 km sorgt mit ihrer Reibung für ein
ständiges Absinken der Raumstation (siehe Graphiken weiter oben). Um zu
verhindern, dass die Station nach einigen Monaten in dichteren Luftschichten verglüht, muss sie immer mal wieder
auf eine höhere Umlaufbahn befördert werden. Zuletzt wurde sie am 29.1.2012 um 1,9 km angehoben, die
nächste Anhebung ist mit 2,7 km für den 29.2.2012 geplant.
Die Sinkgeschwindigkeit der Raumstation ändert sich ständig. Ihre genaue Größe kann nicht
vorausberechnet werden, sie ist abhängig sowohl von der Ausrichtung der Station als auch von der Dichte der
Hochatmosphäre – und diese wird beeinflusst von der wechselnden Sonnenaktivität. Auch lassen sich die
Ergebnisse langfristig geplanter (und erst recht kurzfristig angesetzter) Bahnmanöver kaum im voraus abschätzen.
Vorhersagen der Sichtbarkeitszeiten sind daher umso ungenauer, je älter sie sind. Es empfiehlt sich also, öfters
aktualisierte Überflugszeiten abzurufen!
Helligkeit:
Die ISS-Helligkeit übertrifft die Helligkeit der Sterne und Planeten deutlich (nur Venus ist heller). Die
Station kann daher – und wegen ihrer schnellen Bewegung – auch nicht mit einem Stern verwechselt werden.
Bei Überflügen nach Sonnenuntergang ist aber zu beachten, dass die ISS bei ihrem Erscheinen
über dem westlichen Horizont zunächst nicht sehr hell ist: die im Westen untergegangene Sonne beleuchtet die
Raumstation von hinten, während wir auf die unbeleuchtete Vorderseite sehen. Je weiter die ISS den Himmel in Richtung
Osten überquert, desto heller wird sie dann. Bei Überflügen vor Sonnenaufgang ist es umgekehrt: sobald sie
im Westen sichtbar wird, zeigt sie uns ihre Vorderseite, die von der noch unter unserem Horizont stehenden Sonne hell
angestrahlt wird. Die Helligkeit der Raumstation nimmt anschließend ab, je mehr sie sich dem östlichen
Horizont nähert.
Ein Tipp: Horizontdunst sowie Häuser und Bäume sorgen zumeist dafür, dass ISS-Passagen unterhalb
einer maximalen Höhe von 20° (in der Heavens-Above-Tabelle unter der Rubrik „Max. Altitude” in
Spalte „Alt.”) nicht so eindrucksvoll sind, zumal die Raumstation dann wegen der größeren
Entfernung vom Beobachter ohnehin nicht sehr hell ist.
Größe:
Die Raumstation ist 109 m breit, die Spannweite der Solarzellen beträgt 73 m. Die ISS ist damit das
größte künstliche Objekt im All. Wegen ihrer Entfernung kann sie aber mit dem bloßen Auge nur
als Punkt wahrgenommen werden: sie erscheint uns etwa so groß wie ein handelsübliches Einwegfeuerzeug
(Länge ca. 8 cm) in 260 m Entfernung. Mit einem besseren Fernglas (ab etwa zehnfacher
Vergrößerung) lässt sich zwar erkennen, dass es sich um kein punktförmiges, sondern um ein
etwas ausgedehntes Objekt handelt, Details der Struktur werden aber meistens von der ISS-Helligkeit überstrahlt.
Einige Fernglasbeobachter berichten, dass sie Strukturen dann leichter erkennen konnten, wenn während des
Überflugs der Dämmerungshimmel recht hell, der Helligkeitskontrast zwischen ISS und Himmel also geringer war.
Bei Fernrohren mit stärkerer Vergrößerung erschwert die schnelle Bewegung der Raumstation die Beobachtung.
Erdschatten:
Gelegentlich lässt sich verfolgen, wie die ISS im Erdschatten verschwindet bzw. aus diesem auftaucht. Bei
Überflügen am Abendhimmel zeigt eine Höhe von mehr als 10° am Ende der Sichtbarkeit in
der Heavens-Above-Tabelle einen Schatteneintritt an (unter der Rubrik „Ends” in Spalte „Alt.” zu
finden). Umgekehrt bedeutet bei Sichtbarkeiten am Morgenhimmel eine Höhe von mehr als 10° bei
Sichtbarkeitsbeginn (Rubrik „Starts”, Spalte „Alt.”), dass die Station zu diesem
Zeitpunkt aus dem Schatten heraustritt.
„Weihnachtsstern” 2011 war abstürzende Sojus-Oberstufe
Die Leuchterscheinung, die Heiligabend 2011 vielerorts für Aufsehen sorgte, war die verglühende letzte Stufe
einer russischen Sojus-Rakete. Die Rakete war drei Tage zuvor, am 21.12.2011, gestartet und hatte eine Sojus-Raumkapsel mit drei
Astronauten zur Internationalen Raumstation befördert. Raketenoberstufen werden erst von ihrer Nutzlast abgetrennt, wenn sie
diese in ihrer Umlaufbahn abgeliefert haben. Manchmal verbleiben sie in einer Erdumlaufbahn, zuweilen treten sie aber auch wieder
in die Erdatmosphäre ein und können dann beim Verglühen ein spektakuläres Schauspiel liefern.
Der genaue Zeitpunkt eines solchen Wiedereintritts in die Atmosphäre kann wegen des unkalkulierbaren Verhaltens einer
torkelnden Raketenstufe im „Fahrtwind” nie exakt vorausbestimmt werden, für diese Sojus-Stufe war er aber vom United
States Strategic Command (USSTRATCOM) für den frühen Abend des 24. Dezember angekündigt worden. Das USSTRATCOM ist eine
Abteilung des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums, das die Bahnen aller künstlichen Erdsatelliten und von deren
Bruchstücken („Weltraumschrott”) überwacht, mögliche Wiedereintritte prognostiziert und u.a. auch die
NASA mit Daten von Objekten versorgt, die der ISS gefährlich nahe kommen könnten.
Meistens verglühen Objekte dieser Größe vollständig beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre.
Raketenstufen enthalten oftmals noch Treibstoffreste, die dann verbrennen – das erklärt den Schweif mit seinen imposanten
Bahn der abstürzenden Sojus-Oberstufe am 24.12.2011 [zum Vergrößern Bild anklicken!]
Farberscheinungen. Ob in diesem Fall noch Bruchstücke bis herab auf den Boden gekommen sind, ist mir zur Zeit nicht bekannt.
Solange das Objekt noch fliegt, kann seine Bahn berechnet und damit vorausgesagt werden, wann es wo zu sehen sein
wird. Die in der Grafik dargestellte Bahn habe ich mit den letzten mir bekannten Bahndaten kalkuliert, die wenige Stunden vor dem
Wiedereintritt gemessen wurden, und habe dabei die zwischenzeitliche Abbremsung durch unsere Lufthülle berücksichtigt.
Damit ergibt sich eine Höhe von ca. 120 km für den Bahnabschnitt über Deutschland, die Geschwindigkeit betrug
während des Überflugs 7,8 km/sek. Bis ca. 17:27 MEZ wurde die Raketenstufe noch von der Sonne beleuchtet (hellrote Linie),
dann tauchte das, was noch nicht verglüht war, in den Erdschatten ein (dunklere Linie). Innerhalb der markierten, ca. 1100 km
breiten Zone war das Ereignis bei klarem Himmel in mehr als 10° Höhe über dem Horizont beobachtbar.
Die vielen Beobachterberichte decken sich mit dieser Bahnberechnung! Spekulationen, es habe sich dabei in Wirklichkeit um den
Weihnachtsmann gehandelt, der wegen der vielen noch auszuliefernden Geschenke in Zeitdruck geratenen sei, deshalb die zulässige
Höchstgeschwindigkeit für Rentierschlitten überschritten und daher zu glühen begonnen habe, sind also
höchstwahrscheinlich unzutreffend…
[25.12.2011]
Das Startfenster zur Raumstation
Flogen Raumfähren zur ISS, hatten sie nur ein schmales Startfenster.
Warum, wird hier erklärt.
Die Bahn der ISS liegt beinahe fest im Raum, und die Erde rotiert täglich unter ihr hindurch. Eine
Raumfähre konnte nur dann zur ISS starten, wenn sich der Startplatz Cape Canaveral gerade unter der Bahn der
Raumstation befand, mit einer Toleranz von ± 5 Minuten. Bei einer anderen Startzeit hätte später
die Bahnebene der Raumfähre gekippt werden müssen, damit diese die ISS erreichen konnte. Satellitenbahnebenen
zu kippen kostet aber sehr viel Energie.
[Für Fachleute: eine Satellitenbahn ist, physikalisch gesehen, ein Kreisel. Wird die Rotationsachse eines
Kreisels gekippt, tritt eine starke Kraft auf, welche die Achse in eine andere Richtung ziehen will (Drehimpulserhaltung,
bekannt von jedem Kinderkreisel: die Kreiselachse weicht im rechten Winkel zur kippenden Kraft aus). Will man verhindern, dass die
Kreiselachse mitsamt der senkrecht dazu stehenden Kreiselebene (bei Satelliten gleich der Bahnebenen) dieser Kraft folgt,
sondern in die gewünschte Lage befördert wird, muss dafür sehr viel Energie aufgewandt werden.]
Die Animation zeigt, wie sich die Erde in 24 Stunden unter der ISS-Bahn hindurchdreht, dargestellt am
Beispiel des für den 1.7.2006 um 21:48 MESZ geplanten Starts der Raumfähre Discovery.
Die ISS-Bahn liegt nicht ganz fest im Raum, ihre Ebene dreht sich etwas entgegen der Erdrotation. Sie
verschiebt sich pro Tag um 6° nach Westen und kommt dadurch Cape Canaveral bei der täglichen
Erdumdrehung entgegen. Der Startplatz erreicht daher jeden Tag ca. 24 Minuten früher die Bahnebene, um diesen
Betrag öffnete sich dann auch das Startfenster früher. (Die Ebenendrehung lässt sich an dem
kleinen Rücksprung der Bahn erkennen, wenn die Animation nach einem 24-Stunden-Durchlauf wieder von vorn beginnt.)
An welchem Punkt ihrer Bahn sich die Raumstation während des Shuttle-Starts gerade befand, war dabei
unwichtig. War der Shuttle erst einmal in der richtigen Bahnebene, hätte er sich in einer Flughöhe
oberhalb der ISS-Bahn (= kleinere Geschwindigkeit) von dieser einholen lassen können. Das wäre aber
Treibstoffvergeudung gewesen. Stattdessen wurde der Shuttle in eine mittelhohe Parkbahn unterhalb der ISS-Bahn befördert
(= größere Geschwindigkeit), in der er die Raumstation einholte, bevor er – meist in mehreren
Etappen – in die ISS-Bahn gehoben wurde. Hatte die ISS einen Vorsprung von einem halben Umlauf, dauerte die Aufholjagd
auf einer Shuttle-Parkbahn in 300 km Höhe 68 Stunden, in 250 km Höhe 34 Stunden, in 200 km
Höhe 22 Stunden – und in Meereshöhe 9 Stunden, aber ein Flug in Meereshöhe wäre wegen der hohen Luftreibung
nicht möglich gewesen. Angesteuert wurde eine Parkbahn, in welcher der Shuttle die Raumstation in 2 – 3 Tagen einholte. In dieser
Höhe bestand keine Gefahr mehr, dass die Raumfähre infolge der Luftreibung innerhalb von wenigen Stunden abstürzte. Der
Aufenthalt in der Parkbahn wurde unter anderem dafür genutzt, den Hitzeschild auf eventuelle Beschädigungen während der
Startphase zu überprüfen.
Die Raumstation durchläuft ihre Bahn in der Animation von links unten nach rechts oben (das kleine Sternchen,
das da manchmal vorbeiflitzt), der Shuttle startet daher in Richtung Nordost. Auf der Rückseite, wo die ISS wieder
Ungünstige Startrichtung Südost
nach unten, also von Norden nach Süden fliegt, kreuzt Cape Canaveral ein zweites Mal innerhalb von 24 Stunden die
Bahnebene. Dort hätte es ein zweites Startfenster gegeben, diesmal mit der Startrichtung Südost. Dann wäre die
Flugbahn anfangs allerdings fast ausschließlich über den Ozeanen verlaufen. Hätte der Startvorgang zu einem Zeitpunkt
abgebrochen werden müssen, an dem eine Rückkehr zum Startplatz nicht mehr möglich gewesen wäre, hätte es keine
Gelegenheit für eine Notlandung gegeben. In Europa wurden jedoch bei jedem Shuttle-Start zur ISS Notlandeplätze bereitgehalten,
meistens waren es die Landebahnen der Militärbasen Morón und Saragossa in Spanien sowie Istres in
Südfrankreich. Gestartet wurde deshalb bei der Bahnlage wie in der Animation gezeigt, also in Richtung Nordosten.
Die Starterlaubnis wurde nur erteilt, wenn wenigstens an einem der genannten Orte das Wetter eine Notlandung zugelassen hätte.
•Die Startfenster der letzten Shuttle-Flüge zur ISS: