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Volkssternwarte Bonn
Astronomische Vereinigung e.V.
Nachruf auf Ursula Schinzer
25. 2. 1926 – 1. 10. 2008
von Dr. Jürgen Wirth
Mit Betroffenheit, aber auch mit einer gewissen Erleichterung, habe ich Ende Oktober 2008 vom Ableben unseres
Ehrenmitglieds und langjährigen Vorstandskollegin Ursula Schinzer am 1. Oktober 2008 erfahren. Noch Anfang September
hatte ich die Gelegenheit genutzt, mich von ihr zu verabschieden, nachdem sie zu diesem Zeitpunkt bereits 33 Monate
ohne ernsthafte Hoffnung auf Besserung im Koma gelegen hatte. So will ich denn an dieser Stelle statt eines formellen
Nachrufs ihre Tätigkeit in unserer Vereinigung aus meiner Erinnerung heraus ein wenig lebendig werden lassen.
Anfang der 1970er Jahre gab es viele Kontakte zwischen den astronomischen Vereinigungen an Rhein und Ruhr. Und so
erhielt die Volkssternwarte im Austausch gegen TELESCOPIUM auch „Weg zu den Sternen”, die Vereinszeitschrift
der Sternwarte Neanderhöhe Hochdahl e.V.. Damals blätterte ich informationshalber in diesen Heften, bis ich
eines Tages etwas Unerhörtes fand: Da war doch eine Ursula Schinzer aus Bonn in diesen Verein eingetreten –
und ich wusste nichts von ihr! Also, nicht lange gefackelt, einen Aufnahmeantrag und ein paar zusätzliche
Informationen in einen Briefumschlag gesteckt und ab die Post in die Lutfridstr. 1 in Bonn-Endenich, denn damals war
der Datenschutz noch nicht gar so streng und ihre Adresse in besagtem Heft abgedruckt. Zu meiner Freude fand ich wenige
Tage später den unterschriebenen Aufnahmeantrag in unserem Briefkasten in der Poppelsdorfer Allee. Und so wurde
Frau Schinzer Anfang April 1975 das 87. Mitglied der Volkssternwarte Bonn – der Beginn eines jahrzehntelangen
Engagements und einer fast ebenso langen freundschaftlichen Verbundenheit.
Sehr bald schon tauchte unser neues Mitglied in meinem Einführungskurs auf, der damals bereits im Hörsaal
der Astronomischen Institute in Endenich stattfand. Diesem Kurs und all seinen Nachfolgern ist Frau Schinzer über
die Jahrzehnte fast ausnahmslos treu geblieben bis ins späte Frühjahr 2005 hinein, auch als der Kurs
zwischenzeitlich einige Jahre im Gustav-Heinemann-Haus in Tannenbusch stattfand oder später dann ab 1997 im
Refraktorium. Sie war mir dabei immer eine kritische Stimme mit vielen Anregungen für Verbesserungen. Oder sie
konnte auch schon einmal die Teilnehmer informieren und eventuell vertrösten, wenn ich auf meinem Heimweg vom
Arbeitsplatz in Köln wegen der immer wieder auftretenden Probleme der Bahn hängenblieb und nicht rechtzeitig
da sein konnte.
Doch dabei blieb es nicht. Schon auf der folgenden Hauptversammlung am 29. Juni 1977 wurde sie in den damals
fünfköpfigen Vorstand gewählt. Ich selber war zu dieser Zeit noch Student und Diplomand an der Sternwarte,
später dann Doktorand am Physikalischen Institut auf der Nußallee, schräg gegenüber von Frau
Schinzers Arbeitsplatz am Elektronenmikroskop im Keller des Instituts für Pflanzenkrankheiten. So waren denn auch
die „Dienstwege”, was die Volkssternwarte anbetraf, kurz. Und auch der Weg von der Nußallee in die
Poppelsdorfer Allee zum Refraktorium, den Frau Schinzer, auch von Endenich aus, Jahr für Jahr bei nahezu jedem
Wetter grundsätzlich mit dem Fahrrad zurücklegte, dauert nur wenige Minuten. Frau Schinzer gehörte dem
Vorstand der Volkssternwarte nach regelmäßiger Wiederwahl ohne Unterbrechungen bis zu ihrem Rücktritt
im Oktober 1994 an.
Stürze und altersbedingte Probleme brachten sie Mitte der 1990er Jahre dazu, auf ihr geliebtes Fahrrad zu verzichten,
mit der Folge, dass danach auch ihre Anwesenheit im Refraktorium immer seltener wurde. Besonders traurig war sie
darüber, dass sie dadurch den kleinen Garten am Refraktorium nicht mehr bearbeiten konnte, der in einer gemeinsamen
„Gewaltaktion” aus hartem Lehmboden um 1977 entstanden war und den sie bald als „ihren” Garten
adoptiert hatte. Ein Mitglied, das des Nachts einmal sein Auto kurz vor der Mauer in diesem Garten zum Stehen gebracht
hatte, zog sich ihren heiligen Zorn zu und war seitdem bei ihr unwiderruflich unten durch. Leider verwildern die beiden
Beete heute zusehends.
Damit aber nicht genug. Bei den Bemühungen, das damals knapp 80 Jahre alte Gebäude trocken zu legen und für
uns nutzbar zu machen, war Frau Schinzer fester Bestandteil des Arbeitsteams, egal ob es um Beton-, Putz- oder
Reinigungsarbeiten, ums Fensterstreichen oder Holzarbeiten oder um Zuarbeit für die Arbeiten am Dach ging, bei denen
ich lange Zeit auch mit ihr alleine gearbeitet habe: ich oben, sie unten. Sie sorgte auch für Kaffee oder Tee
und hatte oft ein Leckerchen für die Mannschaft dabei. Nach einiger Zeit übernahm sie von mir dann die Aufgabe,
bei Verlagen die Rezensionsexemplare zu bestellen, die von den Rezensenten, zu denen sie selbst dann immer wieder
gehörte, unserer Bibliothek nach der Rezension zur Verfügung gestellt werden, wodurch wir eine wachsende und
aktuelle Bibliothek aufbauen konnten, deren Kartei sie mit Akribie weiterführte. Auch im TELESCOPIUM finden sich
immer wieder Beiträge aus ihrer Feder oder in der Festschrift von 1982, in der sie von der Übergabe des
Zeiss-Refraktors von Dr. Carl Schuppe in Adelebsen an die Volkssternwarte berichtet, zu der sie mitgefahren war und
der später in einer Schiebedachhütte auf dem Hoverhof bei Rösrath für viele Jahre seinen Standort
fand.
Die Liste der Beiträge, die Frau Schinzer zum Vereinsleben und zur Tätigkeit der Volkssternwarte geleistet hat,
ließe sich fast beliebig verlängern. Da wäre z.B. zu erwähnen die Ausstellung in der Hauptstelle
der Sparkasse Bonn am Friedensplatz 1982, an deren Vorbereitung sie erheblichen Anteil hatte, unsere Beteiligung am
„Kanzlerfest” ebenfalls 1982 mit Helmut und Loki Schmidt am Palais Schaumburg, dem alten Bundeskanzleramt,
aus dessen Anlass die ersten der „Schinzerschen Tücher” mit astronomischen Symbolen als
Hintergrund-Dekoration entstanden waren, die langjährige Verwaltung des sternzeit- und TELESCOPIUM-Einzelversandes,
ebenso ihre Teilnahme am Versand unserer Vereinszeitschrift. Sie sorgte durch die Arbeit ihrer Hände für
Ordnung und Sauberkeit, saß an der Kasse beim Forum Astronomie, half engagiert bei allen Aktivitäten der
Vereinigung, waren es nun öffentliche Beobachtungen, Gruppen- und Sternführungen, Tage der Offenen Tür
oder z.B. die Festschrift von 1982, für die ich mit ihr Stunden um Stunden im Refraktorium beim Klebe-Layout
für den Druck zubrachte.
So wie die Volkssternwarte für mich ein Teil meines Lebens ist, so gehört Frau Schinzer ebenso dazu. Sie war
über viele Jahre, ja Jahrzehnte, eine Herzkammer der Volkssternwarte, stellte das zuverlässige Funktionieren
von Kasse, Briefverkehr, Bibliothek und Anwesenheitsdienst sicher, war dadurch auch Teil der Außendarstellung.
Dieses langjährige, stetige und verlässliche Engagement würdigte die Vereinigung auf ihrer
Hauptversammlung am 8. März 2001 aus Anlass ihres 75. Geburtstages durch die Verleihung der Ehrenmitgliedschaft.
Ohne Frau Schinzer wäre die Vereinigung heute nicht die, die sie ist und stünde nicht da, wo sie steht. Ohne
sich dabei in den Vordergrund zu stellen, hat sie unverwischbare Spuren in Entwicklung und Geschichte der Vereinigung
hinterlassen. Frau Schinzer wird allen, die sie gekannt haben, mit ihrer zupackenden, praktischen Art, mit ihrem Humor,
ihrer Lebenserfahrung, aber auch mit ihrer Bestimmtheit, ihren unverkennbaren Ecken und Kanten und mit ihrem
charakteristischen Lachen unvergesslich bleiben!
Foto: J.-G. Schäfer
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